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Buch-Kritik
Souad – Bei lebendigem Leib
Wenn Mord legal wird
Andere Länder, andere Sitten – das ist zu oft
einfacher ausgesprochen, als es sich in der Wirklichkeit darstellt. Denn die
Sitten und Gebräuche, die Traditionen in einigen Ländern dieser Welt sind
menschenverachtend und grausam.
Souad ist Moslemin, geboren im
Westjordanland. Wann genau, weiß sie selber nicht, schätzungsweise aber Ende der
50er Jahre. Als Mädchen ist sie dort weniger wert als das Vieh. Erst recht in
dem stark konservativen Dorf, in dem sie aufwächst. Sie hat mehrere Geschwister,
doch nur der Sohn des Hauses kann wirklich von sich behaupten, zu leben. Er ist
der "Prinz" und wird auch entsprechend behandelt und vergöttert. Die Töchter
sind nicht mehr als Sklavinnen des eigenen Vaters. Sie werden geschlagen,
misshandelt, müssen hart arbeiten und dürfen sich keine Fehler erlauben.
Der größte Traum eines jeden Mädchens in
solchen Verhältnissen ist es, zu heiraten. Es spielt keine Rolle, dass der Vater
den Mann aussucht, dass die Mädchen ihren Zukünftigen erst auf der Hochzeit das
erste Mal sehen. Ehe bedeutet ein gewisses Maß an Freiheit. Schaut eine
Unverheiratete einen Mann auf der Straße an oder spricht sie gar mit ihm,
verletzt das die Ehre der Familie. Und spricht damit ihr eigenes Todesurteil,
denn die Ehre ist mehr wert als ein Menschenleben. Er recht als das einer Frau.
Souad sieht den Mann, der um sie angehalten
hat, schon vor ihrer Hochzeit, er ist ein Nachbar. Sie beobachtet ihn jeden Tag,
wenn er zur Arbeit fährt und heim kommt und sie verliebt sich in ihn. Die beiden
treffen sich schließlich – heimlich. Denn allein dafür könnte sie getötet
werden, obgleich sie sich lediglich mit ihrem zukünftigen Ehemann trifft.
Um ihn nicht zu verlieren, will Souad ihn
auch nicht wegstoßen, als er sich ihr körperlich nähert – so lässt sie es zu,
dass sie nicht als Jungfrau in die Ehe gehen wird. Nach zwei Treffen ist Souad
schwanger. Eine Katastrophe, schließlich ist sie immer noch unverheiratet. Ihr
eigentlich Zukünftiger jedoch lässt sie trotz des Heiratsversprechens fallen.
Und bald kann sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verstecken.
Die Schande für die Familie ist groß. Die
Ehre zutiefst verletzt. Und eines steht fest – um die Ehre wieder herzustellen,
muss Souad sterben. Ihre Eltern beauftragen ihren Schwager mit dem Mord.
Die zu dem Zeitpunkt Neunzehnjährige wird mit
Benzin übergossen und angezündet – von dem Mann ihrer ältesten Schwester.
Schwer verletzt wird sie dank zweier
unbekannter Frauen in ein Krankenhaus eingeliefert. Doch eine freundliche
Behandlung erfährt sie dort nicht. Sie ist die Aussätzige, die die Familie
entehrt hat. Mehr interessiert nicht. Alles wartet lediglich darauf, dass sie
endlich stirbt. So auch Souad selbst.
Einer engagierten Mitarbeiterin einer
französischen Hilfsorganisation gelingt es in einer abenteuerlichen und sehr
mutigen Aktion, Souad und ihren Sohn nach einer langen Leidenszeit in die
Schweiz zu bringen. Dort beginnt sie ein neues Leben, heiratet, bekommt Kinder.
Doch die Ängste und Qualen der Vergangenheit
bleiben.
Mit Leichtigkeit könnte man sagen, als Roman
wäre es ein wirklich guter Thriller.
Doch leider ist "Souad – Bei lebendigem Leib"
kein Roman. Es ist eine wahre Begebenheit. Es sind die Geschehnisse, so wie
Souad sie erleben musste und sie beschreibt sie mit so einfachen und doch sehr
ergreifenden Worten. Es ist beklemmend zu wissen, dass es Realität ist.
Der Gedanke, dass es in unserer Zeit noch
immer den so genannten Ehrenmord gibt, der zu der Tradition und der Normalität
des Lebens in den entsprechenden Ländern dazu gehört, wie das Essen, das
Schlafen, das Beten, dann versteht man die Welt nicht mehr. Wenn Mütter ihre
Neugeborenen töten, mit einem Kissen ersticken, weil es keine Jungen sind. Wenn
Mädchen hart arbeiten müssen und für den kleinsten Fehler, für das zu späte
Nachhausekommen, selbst wenn es sich nur um ein paar Minuten handelt, mit
schlimmen Schlägen mit dem Gürtel oder dem Stock bestraft werden. Wenn das bloße
Gerücht, dass ein unverheiratetes Mädchen einen Mann auf der Straßen angesehen
hat, das Todesurteil für sie sein kann. Wenn das alles legal ist – was ist dann
noch normal?
Die Männer sind in diesen Kulturen die
absoluten Herrscher. Frauen werden geduldet, um Kinder zur Welt zu bringen und
den Haushalt zu führen. Bringt sie keine Söhne zur Welt, wird sie verachtet.
Keiner fragt danach, was mit Töchtern
passiert. Es interessiert niemanden, wenn sie plötzlich verschwinden. Sie sind
nur lästig, höchstens für Arbeit nützlich und selbst dann dürfen es nicht mehr
als zwei oder drei Töchter im Haus sein – mehr braucht man nämlich nicht für die
Arbeit. Sie dürfen nicht zur Schule gehen, sie lernen nichts über die Welt, über
andere Länder, Religionen, sie können nicht lesen und nicht schreiben. Es ist
verpönt, wenn ein Mädchen zur Schule geht, sagen gleich alle, sie wird nie einen
Mann bekommen.
Wahrscheinlich, weil sie dann zu intelligent
wäre, um sich derartig unterwerfen zu lassen. Eine gebildete Frau würde
eigenständig werden, sie könnte arbeiten gehen, das Land verlassen. Sie würde
sich keinem Mann beugen und gezwungen sein, Söhne zur Welt zu bringen, sie
müsste sich nicht protestlos schlagen lassen und wie eine Sklavin leben.
Souads Schicksal ist nur ein Beispiel für die
Grausamkeit in diesen Kulturen. Und um es zu lesen, muss man starke Nerven
aufweisen können. Denn sie beschreibt oft sehr genau, was sie erlebt, was sie
durchlebt hat. Sie erzählt von allem, an das Sie will aufmerksam machen auf das
Leben der Frauen, denen bei jeder Gelegenheit klar gemacht wird, wie wertlos sie
sind.
Sie will uns, den Bewohnern der westlichen
Welt, bewusst machen, welche Verhältnisse noch heute teilweise auf dieser Welt
herrschen. Es ist ein Aufruf und vielleicht auch ein Hilferuf im Namen aller
Unterdrückter, nicht wegzusehen und sich wehren, dagegen vorzugehen. Kultur
endet, wo Menschenwürde mit den Füßen getreten wird.
Souad hat überlebt. Doch jedes Jahr sterben
viele Frauen durch diese Ehrenmorde. Sterben eines vollkommen sinnlosen Todes,
ganz gleich, ob jahrhundertealter Brauch oder nicht. Es geschieht in Jordanien,
im Iran, im Irak, in Indien, Pakistan und Israel – ja, sogar in der Türkei, ein
Land, das den Beitritt zur EU anstrebt.
Diese Probleme sind uns näher, als wir
denken.
Und dieses Wissen sollte uns erschrecken und
uns eine Warnung sein.
"Souad – Bei lebendigem Leib"
Souad; unter Mitarbeit von Marie-Thérèse Cuny
Verlag Blanvalet (2003/2005)
Taschenbuch, 286 Seiten (19 Kapitel)
ISBN: 3-442-36268-7
Preis: 8,50 €
Anm.: Spiegel-Bestseller
Text by „CK“
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