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Buch-Kritik

"Ich, Lilith"

 

Schöpfung mal anders – haben wir Chancen verpasst?

 

Schon als Kind kommt das Mädchen Elisa zu der Erkenntnis, dass sie nicht in diese, unsere Welt passt. Sie ist zu erwachsen und zu intelligent, um sich mit dem Leben unter elterlicher Obhut – und Befehlsgewalt – abzufinden. Im Gegenteil, sie widersetzt sich ihren Eltern; sie führt den exhibitionistischen Onkel an der Nase herum; sie streitet sich immer wieder mit ihrer Mutter. Diese gibt ihr auch die Schuld am Tod ihres kleinen Bruders Camael. Einzig in der Großmutter findet das Mädchen Unterstützung.

Sie rebelliert in der Schule und stößt als Redakteurin der Schulzeitung das erste Mal auf die Geschichte der Lilith – der ersten Frau Adams, wie die talmundische Überlieferung es besagt. Fortan widmet sie sich der Suche nach den Spuren der Geheimnisvollen, die der Religionsunterricht gerne außen vor lässt.

Lilith war dereinst genauso wie Adam aus Erde erschaffen worden – sie war ihm ebenbürtig. Doch sie hatte auch ihren eigenen Kopf und es lag ihr fern, sich Adam zu unterwerfen, insbesondere beim Geschlechtsakt. Gott verbannte sie dafür aus dem Paradies.

Wenn Lilith nun überhaupt Erwähnung findet, dann als Hexe der Nacht, die Unschuldige und Sündenfreie verführt und zusammen mit ihren Töchtern, den Lilim, Schrecken in den heiligen Stätten wie Klöstern und Kirchen verbreitet. Ein Dämon, der sein rachegetriebenes Unwesen treibt; eine ewige Verführerin, verrufen und gefürchtet.

Doch Elisa ist fasziniert von der Rebellin, die sich gegen Gott auflehnte. Sie eifert ihr nach, sie verführt die Männer, wobei sie darauf achtet, immer die Oberhand über sie zu behalten. Ihre Suche führt sie schließlich nach Afrika, Indien und ins Weihrauchland, wo Lilith als Königin von Saba herrschte. Und sie erkennt, dass die als Nachthexe Verschrieene noch mehr ist: Lilith ist das Mädchen, das sich im Mittelalter den Katharern anschließen wollte, und sie ist die erste Dichterin des Abendlandes, Christine de Pizan.

Für Elisa wird die Reise nicht nur zu einer Suche nach Lilith, sondern auch zu einer Suche nach dem eigenen Ich, nach dem, was sie wirklich ist.

 

"Ich, Lilith" von Gabriele M. Göbel ist ein unglaublich faszinierender Roman, der zwar etwas schleppend und verwirrend anfängt, doch es auch versteht, einen mit jedem Wort mehr zu fesseln. Die Beschreibungen der Länder, in die Elisa reist, und dessen, was sie wahrnimmt, sind so perfekt geschrieben, dass man meinen könnte, die Hauptprotagonistin auf ihrer Reise zu begleiten.

Darüber hinaus bietet natürlich die Thematik einen großen Reiz. Eine Theorie, die alles, was in der Bibel steht, praktisch ad absurdum führt? Für die einen dürfte das unheimlich gotteslästerlich sein. Doch für all die, die so etwas offen gegenüber stehen, hält "Ich, Lilith" die Möglichkeit bereit, in eine völlig neue Welt einzutauchen.

Und sich mit vielen Fragen auseinander zu setzen. Zentral steht da natürlich die Frage, wie sich die Menschheitsgeschichte geschrieben hätte, wäre Lilith akzeptiert worden. Schließlich war ihre Existenz nicht von Adams abhängig gewesen. Sie hätte es auch ohne den Mann gegeben – immerhin war sie aus der gleichen Erde wie Adam geformt worden. Eva dahingegen brauchte eine Rippe Adams als Basis für ihre Existenz. Ohne Adam also keine Eva. Aber Lilith schon.

Und heute?

Würden die Männer die Frauen trotzdem unterdrücken? Hätten Frauen mehr Rechte, wären sie auch in höheren Machtpositionen zu finden? Und würde gleichsam die Kirche die Rechte der Frauen mit Füßen treten? Würde ein Mann, auch wenn er sich Papst nennen darf, sich erlauben, über Dinge zu diskutieren und zu bestimmen, die nur Frauen und allenfalls Ärzte verstehen?

Frauen gelten allgemein als Verführerin, keine besonders charmante Bezeichnung, sieht man den Zusammenhang. Und sie oder besser gesagt ihre Vertreterin Eva tragen Schuld am Sündenfall, der die Verbannung aus dem Paradies zur Folge hatte. Vielleicht steckte ja ein wenig Lilith in Eva.

Lässt man sich auf den Roman ein, kommt man schnell ins Grübeln. Und das Verbotene, denn nichts Anderes ist es schließlich für die Kirche, übte schon immer den größten Reiz auf die Menschen – inklusive Adam und Eva – aus.

Gabriele M. Göbel hat fabelhafte Quellenarbeit betrieben – die Theorie der Lilith gibt es nämlich tatsächlich, sie ist keineswegs nur ein Hirngespinst der Autorin. Der Schreibstil Göbels ist sehr angenehm und die Sätze und Kapitel fliegen beinahe an einem vorbei, so gut liest es sich.

Der Roman ist äußerst empfehlenswert, vor allem für die, die sich trotz des in unserer Region vorherrschenden Atheismus ein wenig für Religion interessieren. Und auch sonst bedarf es keiner besonderen Sachkenntnis die Bibel betreffend. Man kann sich getrost fallen lassen.

 

"Ich, Lilith" (alternativer Titel: "Hexen der Nacht")

Gabriele M. Göbel

Verlag Rütten und Loening (2000/2001)

Hardcover; 341 Seiten

ISBN: 3-352-00572-9

Genre: Fantasy

Preis: Taschenbuch 8,95 Euro; Hardcoverausgabe rd. 20 Euro

 

Text by „CK“ 

 

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